Book of Abstracts

Panel I: Interreligiöser Dialog

Zeit: Fr. 9.9.16, 9.30-11.00 Uhr // Chair: Anne Beutter

Anna Neumaier: «Das tangiert mich dann nicht» Über Wandel und Stabilität religiöser Identität bei Teilnehmenden interreligiöser Dialogveranstaltungen.

Zunehmende religiöse Vielfalt, so eines der Kernargumente der frühen Säkularisierungsdebatte (etwa Berger 1992), resultiere in einem Plausibilitätsverlust von Religion. Dies legt nahe, dass sich religiöse Pluralisierung auch auf individuelle Religiosität auswirkt – doch ebensolche Konsequenzen erscheinen in empirischer Hinsicht noch nicht umfassend erschlossen: Inwiefern haben Erfahrungen religiöser Vielfalt Auswirkungen auf die religiöse Identität der Beteiligten, etwa hinsichtlich ihrer Stabilität, Transformation oder Hybridität? Diesem Zusammenhang widmet sich das DFG-geförderte Forschungsprojekt „Identität angesichts religiöser Pluralität. Eine qualitativ-rekonstruktive Untersuchung der Bedingungen und Folgen interreligiöser Kommunikation“. Grundlegend sind hier qualitative Interviews mit christlichen und muslimischen TeilnehmerInnen an Formaten des interreligiösen Dialogs in Deutschland, die mithin als in besonderem Maße in Kontakt mit einer religiös pluralen Umwelt stehend gelten können. Theoretische Grundlagen sind einerseits Ansätze und Studien aus der religionssoziologischen Debatte um die Konsequenzen religiöser Pluralisierung (etwa Berger/Luckmann 1967, Berger 2013, Hero/Krech 2012), andererseits Überlegungen zu Identität und Identitätspolitiken in der Moderne (u.a. Bhabha 2012, Hall 1999, Keupp 1989). Der Vortrag soll Einblick in die Projektanlage und insbesondere die bisherigen empirischen Ergebnisse zu Stabilität und Wandel religiöser Identität der interreligiös Engagierten gebe.

Sandra Schaub: Zeichen-Dialoge. Sprachanalytisch-interpretative Impulse zum Interreligiösen Lernen zwischen den drei abrahamitischen Offenbarungsreligionen.

Im Anschluss an die beiden symboldidaktischen Modelle von Hubertus Halbfas auf katholischer Seite und Peter Biehl auf evangelischer, entwickelte Michael Meyer-Blanck die Methodik der Zeichendidaktik, die die Semiotik in die Symboldidaktik einbezieht.

Bei einem sprachanalytisch inter-religiöses Didaktikkonzept der Religionen liegt der Schwerpunkt in der Anwendung der sprachanalytischen »Zeichendidaktik« auf das »Interreligiöse Lernen«. Derart kann über eine kommunikative Öffnung des Religionsunterrichts ein Zugang für Anders-Gläubige und Nicht-Gläubige ermöglicht werden, indem diese sich über die »Familienähnlichkeiten« und/oder die »Sprachspiele« die anderen Religionen erschließen können (Wittgenstein).

Ein »Interreligiöses Zeichen« kann innerhalb des Dialogs als „Tertium comparationis“ (Vergleichspunkt) fungieren und den Einstieg in den Dialog methodisch über Bilder, Analogien oder Metaphern bahnen. Das »Zeichen« wird innerhalb der Kontexte der jeweiligen Religion (Judentum, Christentum, Islam) über eine Fragestellung entfaltet dargestellt und anhand des Interpretationsmodus der jeweiligen Religion interpretiert. Anschließend kann über einen tabellarischen Vergleich ein Sachurteil der Einzelinterpretation(en) der jeweiligen Religion über Gemeinsamkeiten und Differenzen sowie die Erschließung der jeweils verwendeten Codes erfolgen. An die Stelle des sich i.d.R. anschließenden Werturteils tritt die eingangs aufgeworfene, übergeordnete Fragestellung „der Menschen unserer Zeit“ (Stosch), die z.T. ähnlich oder aber auch unterschiedlich beantwortet wird.

In diesem Fall wird kein Glaube bzw. ein Glaube in einer bestimmten Art und Weise vorausgesetzt. Die einzelnen Interpretationsmodi der jeweiligen Religion(en) können erhalten bleiben; ihre unterschiedlichen Wertigkeiten jedoch kommen über den differenzierten Vergleich zum Vorschein. Ein stärkerer Fokus auf den Gemeinsamkeiten führt demzufolge zu einer damit verbundenen Ausbildung der eigenen ethisch-religiösen Identität.

Katrin Killinger: Junge oder Mädchen? Machtkämpfe zwischen Ärzten und brāhmaṇischen Priestern in der frühen āyurvedischen Medizin in Indien

Das Kompendium des Caraka entstand zwischen 400 v. Chr. und 400 n. Chr. in Indien und bildet noch heute die erste vollständig überlieferte Grundlage des komplementären alternativen Medizinsystems Āyurveda. Als historisches Dokument ist das Kompendium während einer Zeit des großen religiösen Umbruchs innerhalb Indiens entstanden, in welchem sich unter anderem der Buddhismus und Jainismus als alternative religiöse Bewegungen zum älteren brahmanischen Religionsmodell entwickelten. Die frühe āyurvedische Medizin war dabei nicht nur Produkt dieser Auseinandersetzung, sondern wurde auch durch verschiedene religiöse und nicht-religiöse Gruppierungen instrumentalisiert, um bestimmte Welterklärungsmodelle zu erhalten und zu verbreiten. Der Vortrag wird am Beispiel der geschlechtlichen Entwicklung des Embryos im Mutterleib aufzeigen, wie medizinische Theorien über den Embroy und dessen Geschlecht mit der brahmanischen Weltanschauung kollidieren, und welche Maßnahmen ergriffen wurden, diesen Bruch mit dem traditionellen Weltbild zu glätten. Das Kompendium des Caraka als Zeitdokument zeigt somit auf, wie religiöse und nicht-religiöse Dynamiken in der antiken indischen Gesellschaft innerhalb des brāhmaṇischen Weltbilds aufgefangen und vereinnahmt wurden. Die Rückbindung dieser Dynamiken in die religiöse Tradition sollte dabei nicht nur diese Entwicklungen überdecken, sondern das brāhmaṇische Weltbild verstärkt in der indischen Gesellschaft verankern.


Panel II: Paradigmen Religionswissenschaftlicher Theoriebildung

Zeit: Fr. 9.9.16, 11.30-13.00 Uhr // Chair: Dirk Schuster & Martin Radermacher

Dirk Schuster: Die marxistische Religionssoziologie in der DDR und deren Interpretation von einer Zukunft ohne Religion im Sozialismus

Mit der Festigung des sozialistischen Systems in der Sowjetunion bildete sich dort nach und nach eine marxistische Religionssoziologie heraus. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der damit einhergehenden Zugehörigkeit der DDR zum sowjetischen Einflussgebiet erfolgte im deutschen Teilstaat zu Beginn der 1950er Jahre zunächst eine breitangelegte Propagandaoffensive gegen die Kirchen. Ziel war es, mithilfe von wissenschaftlichen Ergebnissen sowjetischer Religionsforscher, der DDR-Bevölkerung die „Falschheit“ von Religion und ihren Institutionen zu präsentieren.

Mitte der 1950er Jahre begannen sowjetische Religionssoziologen zunehmend über den „wissenschaftlichen Atheismus“ als zukünftige Notwendigkeit infolge der sozialistischen Gesellschaftsentwicklung zu forschen. In der DDR nahmen Soziologen diesen Ansatz auf und begründeten zu Beginn der 1960er Jahre eine eigene Marxistische Religionssoziologie nach sowjetischem Vorbild. Neben universitären Arbeitskreisen und Forschungs-zusammenschlüssen richtete die Universität Jena 1964 einen Lehrstuhl für Wissenschaftlichen Atheismus ein, welcher in den darauffolgenden Jahren zum Zentrum der religionssoziologischen Forschungen innerhalb der DDR werden sollte. Man verfolgte dort die Etablierung einer eigenen Religionssoziologie unter dem Primat des Marxismus-Leninismus, die in klarer Abgrenzung zur vermeintlich von den Kirchen abhängigen westlichen Religionssoziologie stehen sollte. Ziel dieser marxistischen Religionssoziologie war die Erbringung des Nachweises, dass durch die Etablierung des Sozialismus in der DDR Religion in der Zukunft zwangsläufig absterben müsse und stattdessen der Mensch sich der auf rein wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden atheistischen Weltanschauung zuwenden werde. Religion wurde dabei als etwas Statisches interpretiert, welches ausschließlich in einer von Klassengegensätzen geprägten Gesellschaft eine Funktion erfülle. Infolge der vermeintlich zwangläufigen Durchsetzung des Sozialismus und der damit einhergehenden Schaffung einer klassenlosen Gesellschaft würden die durch Klassengegensätze hervorgerufenen religiösen Bedürfnisse entsprechend funktionslos werden.

Der Vortrag bietet einen Einblick in die Grundkonzeption der marxistischen Religionssoziologie der DDR. Zentraler Bezugspunkt des Vortrages bildet die wissenschaftliche Zukunftsdeutung der beteiligten Forscher in Bezug auf Religion, denn die marxistische Religionssoziologie bot mit ihrem Konzept einen Ausblick auf eine zukünftige Gesellschaft, in welcher der Mensch durch die vermeintlichen Vorzüge des Sozialismus gänzlich ohne religiöse Sinndeutung auskommen werde.

Martin Radermacher: Religionswissenschaftliche Theoriegeschichte als Entwicklungsgeschichte? Zum Fortschrittsparadigma innerhalb der religionswissenschaftlichen Theoriebildung.

„Religionsgeschichte wird“, so heißt es im Call for Papers zur diesjährigen AKMN-Tagung, „notwendigerweise als Prozess begriffen“ und ihr Verlauf wird „als Entwicklung konzeptualisiert“. Aber gilt das, was hier über die Religionsgeschichte gesagt wird, nicht ebenso für die Geschichte religionswissenschaftlicher Theoriebildung, die ebenfalls als Entwicklung konzeptualisiert wird? Ist nicht jeder turn und jeder sogenannte Paradigmenwechsel von der Annahme getrieben, ältere Theorieansätze seien überholt und neuere Ansätze nicht einfach nur neu, sondern – und das ist wesentlich – auch ‚besser‘? Gerade die turns der letzten Jahrzehnte, die nicht nur in der Religionswissenschaft ausgerufen wurden, deuten an, eine Wende in die ‚richtige Richtung‘ zu vollziehen, d. h. den wissenschaftlichen ‚Fortschritt‘ zu befördern.

Der hier vorgeschlagene Tagungsbeitrag besteht darin, eine Diskussion anzuregen über die Frage nach dem Entwicklungsparadigma als latentem Bestandteil religionswissenschaftlicher Theoriebildung. Als Diskussionsforum lebt das Panel von der aktiven Beteiligung der TeilnehmerInnen. Nach einem kurzen Input sind diese eingeladen, sich mit eigenen Beispielen und Argumenten am Gespräch zu beteiligen.

Das Ziel der Diskussion ist es, einen Eindruck davon zu erlangen, wie stark der unterschwellige Imperativ des ‚Fortschritts‘ in den aktuellen Theoriedebatten mitreflektiert wird und welche (womöglich auch wissenschaftsexternen) Faktoren dabei eine Rolle spielen. Wenn beispielsweise Claude Lévi-Strauss schon alles gesagt hätte, was man zum Thema „Religionen“ sagen könnte, wozu braucht es dann immer neue Theorieansätze? Gibt es eine ‚Theorieevolution‘, die beständig Neues ausprobiert, um unter sich wandelnden Umständen jeweils bestmögliche Erklärungen zu finden? Oder handelt es sich bei vielen scheinbar neuen Theorieansätzen lediglich um ‚alte‘ Konzepte in neuen Worten? Solche und ähnliche Fragen werden im Mittelpunkt der Diskussion stehen.


Panel III: Diskurse und Zeit

Zeit: Fr. 9.9.16, 14.00-15.30 Uhr // Chair: Benedikt Erb

Hanna Fülling: Einfluss der deutschen Islampolitik auf die theoretische Diskussion der gesellschaftlichen Bedeutung von Religion.

Ziel des Vortrages ist es, die Islampolitik in Deutschland aus religionstheoretischer Perspektive zu analysieren und sie auf diese Weise an die wissenschaftlichen Diskussionen über die Bedeutung von Religion in der Gesellschaft anzubinden.

Obwohl der Untersuchungsgegenstand der Islampolitik demnach zeitlich, räumlich und thematisch klar begrenzt ist, wird es durch die Rückkopplung an sogenannte Globalperspektiven auf Religion (genauer an die Säkularisierungstheorie, die Markttheorie, die Individualisierungstheorie sowie an Revitalisierungstheoreme von Religion) möglich, die Ergebnisse in übergeordnete Überlegungen bezüglich der Bedeutung und des Wirkungsraums von Religion in modernen, säkularen Gesellschaften einzuordnen.

Hierzu werden in dem Vortrag zunächst strukturelle und inhaltliche Bestandteile der Islampolitik in Deutschland aufgezeigt und eine Arbeitsdefinition von Islampolitik eingeführt. Anschließend werden zentrale Aspekte des Verständnisses von Religion in der deutschen Islampolitik vorgestellt. Hierzu rekurriert die Vortragende auf die Ergebnisse ihres Dissertationsprojekts zum Thema „Integration und öffentliche Religion. Verständnis und Rolle der Religion in der deutschen Islampolitik“. In dem genannten Forschungsprojekt werden mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse von Dokumenten der Akteure der Deutschen Islam Konferenz, die Religionsbegriffe, Wirkungsräume von Religion sowie der von den Akteuren hergestellte Zusammenhang zwischen Religion und Integration analysiert. Im Vortrag sollen einige der zentralen Ergebnisse dieser Analyse referiert werden. Anschließend können unter Bezugnahme auf die genannten Globalperspektiven auf Religion (Säkularisierungstheorie, Individualisierungstheorie, Markttheorie sowie Revitalisierungstheoreme von Religion) etwaige Spannungsmomente zwischen der Theorie und den aktuellen religionspolitischen Entwicklungen in Deutschland aufgezeigt, und über mögliche Impulse für eine dynamische Religionstheorie nachgedacht werden.

Stefanie Burkhardt: Entwicklung und Ewige Wiederkehr: Wechselwirkungen zwischen religiösen und religionswissenschaftlichen Zeitvorstellungen anhand der Beispiele von Swami Vivekananda und Mircea Eliade.

Modelle von Bewegungen im geschichtlichen Zeitverlauf spielen eine wichtige Rolle sowohl innerhalb religiöser Traditionen als auch in ihrer wissenschaftlichen Beschreibung von außen. Aufschlussreich ist ein Blick auf die Wechselwirkungen zwischen beiden, also die Frage nach Aufnahmen, Adaptionen und Abwehr religionswissenschaftlicher Konzeptionalisierungen von (Religions-)Geschichte durch Vertreter*innen religiöser Innenperspektiven sowie – in umgekehrter Richtung – von religiösen Zeit- und Geschichtskonzepten durch die Religionswissenschaft. Mit einem Fokus auf die Rolle, die jeweils zeit- und kulturspezifische Diskurse sowie religiöse, politische und/oder wissenschaftliche Interessen für das Emplotment von Religionsgeschichte spielen, wird der Vortrag anhand von zwei prominenten Beispielen solche Prozesse aufzeigen:

  1. Swami Vivekanandas Neo-Vedanta, in dem Fortschritts- und Dekadenztheorien der europäischen Religionswissenschaft (bzw. deren Vorläufern) des 19. Jahrhunderts eine zentrale Rolle spielen, und
  2. Mircea Eliades Übernahme eines zyklischen Geschichtsmodells für die theoretische Reflexion der spezifisch modernen Situation des ‚westlichen‘, ‚desakralisierten‘ Menschen des 20. Jahrhunderts unter Berufung auf indische Philosophie.

Daniel Böttger: Opportunitätskosten: Zur religionswissenschaftlichen Relevanz der Ökonomie der Zeit

Zeit kann als eine begrenzte, präzise quantifizierbare Ressource aufgefasst werden. Dadurch wird der wirtschaftswissenschaftliche Theoriekorpus zum Umgang mit Ressourcen auf Zeit anwendbar. So ist es möglich, präzise Aussagen über z.B. Investition und Verbrauch von Zeit zu treffen.

Das Wirtschaften mit Zeit ist bereits Element religionsökonomischer Modellbildung, z.B. in Stark & Finke: „Acts of Faith“ und signaltheoretischer Erklärungen religiösen Verhaltens. Diese möchte ich ergänzen um eine religionswissenschaftliche Verwendung des wirtschaftswissenschaftlichen Konzeptes der Opportunitätskosten. Kurz gesagt: Wenn ich Zeit in religiöse Praxis investiere, kann ich die selbe Zeit nicht in andere Tätigkeiten investieren, also kostet mich religiöse Praxis so viel wie die wertvollste andere Tätigkeit, die ich in der selben Zeit ausüben könnte. Einen Schwerpunkt des Vortrages bilden der Unterschied zwischen bewusstem und unbewusstem Wirtschaften mit Zeit und die Dialektik zwischen emischer und etischer Perspektive.


Panel IV: Dynamiken religiöser Vielfalt

Zeit: Fr. 10.9.16, 16.00-17.30 // Chair: Anna Neumeier

Lisa Wevelsiep: „Helfen führt auf direktem Weg zur Erleuchtung“ – Religiöse Bezugspunkte entwicklungspolitischer buddhistische Unterstützungsnetzwerke in Bangladesch

Die Tatsache, dass in allen Gartenfachmärkten dekorative Buddhastatuen in diversen Ausführungen erhältlich sind sowie die Beobachtung, dass mit dem Buddhismus in Verbindung gebrachte Praktiken wie Meditation und Achtsamkeit Eingang in viele Managementseminare und Volkshochschulen gefunden haben, werden nicht selten als Hinweise auf intensive Anpassungsleitungen vieler Strömungen des Buddhismus an moderne Lebenswelten gewertet. Insbesondere Bewegungen wie der Engagierte Buddhismus – welcher sich durch eine Verbindung von religiöser Praxis und sozialem oder ökologischem Engagement auszeichnet – werden in der Forschung zumeist in der Moderne entstandenen Ausrichtungen des Buddhismus zugerechnet und in diesem Zuge auch mit Attributen wie individualistisch belegt. Auch wenn viele Gruppierungen auf den ersten Blick in dieses Feld eingeordnet werden können, lassen sich doch auch eine Reihe von Argumenten gegen eine solche Zuordnung finden.

Am Beispiel von transnationalen Unterstützungsnetzwerken buddhistischer Organisationen in Bangladesch, die dem Umfeld des Engagierten Buddhismus zugerechnet werden können, soll dargestellt werden, unter Rückgriff auf welche religiösen Semantiken und Praktiken sich diese Organisationen verorten. Dabei wird kritisch zu diskutieren sein, inwieweit sich diese Formen tatsächlich als wesentlich von modernen, globalen oder vom Globalen Norden geprägten Einflüssen bedingt charakterisieren lassen oder ob es sich nicht vielmehr um sehr heterogene Geflechte handelt, in denen auch Bezugspunkte zu lang etablierten Mustern eine zentrale Rolle spielen.

 Madlen Krüger: Dynamiken religiöser Vielfalt in Myanmar.

Myanmar zeichnet sich durch eine enorme ethnische und religiöse Vielfalt aus. Mit über 130 Ethnien, einer Vielzahl an christlichen Denominationen sowie muslimischen und hinduistischen Strömungen ist Myanmar von je her eine plurale Gesellschaft. Als mehrheitlich buddhistisches Land obliegt die Deutung religiöser Pluralität buddhistischen Prinzipien, die religionspolitisch geleitet werden. Während der Militärregierung entschied das Ministry of Religious Affairs beispielsweise inwieweit privater Grundbesitz zu religiösen Zwecken genutzt werden konnte, kontrollierte die Nutzung und die Errichtung religiöser Gebäude und steuerte religiöse Praxis durch Meldepflicht bei Versammlungen. Die buddhistische Ausrichtung des Ministeriums benachteiligte nicht-buddhistische Religionsgemeinschaften. Seit der Öffnung des Landes 2011 und dem beginnenden Demokratisierungsprozess wird der Umgang mit religiöser Vielfalt zwischen den Religionen neu ausgehandelt sowie Regulierungsmöglichkeiten diskutiert, die das Verhältnis von Religion und Politik betrifft.

Ich werde Ergebnisse aus meiner Feldforschung in Myanmar präsentieren, die aufzeigen wie aktuell über das Thema religiöse Vielfalt in den Medien diskutiert wird, wie sich verschiedene Religionsvertreter und die 2015 gewählte Regierung dazu positionieren.

Sabrina Weiß: Wandlungsprozesse Koreanischer Migrantenkirchen in Deutschland und den USA im Vergleich

Im Jahre 2013 jährte sich zum 50. Mal das deutsch-koreanische Anwerberabkommen. Im Jahr 1963 nahm Westdeutschland offiziell koreanischer Krankenschwestern und Pflegerinnen und koreanische Bergarbeiter als Arbeitskräfte auf. Im Zuge der Sesshaftwerdung bildeten sich aus anfänglichen Gebetskreisen koreanische Migrantenkirchen, die bis heute bestehen und den Christen unter den heute 30.000 KoreanerInnen und Deutsch-Koreanern Raum zur Religionsausübung, Pflege kultureller Traditionen und sozialem Austausch bieten. In den vergangenen Jahrzehnten waren die koreanischen Gemeinden steten Wandlungsprozessen unterworfen, die sich an unterschiedlichen Faktoren wie dem Generationenverlauf, ökonomischen Herausforderungen oder strukturellen Differenzierungsprozessen festmachen lassen.

Lehmann (2006) konstatierte im Zusammenhang mit religiösen Migrantengemeinden eine ungenügende religionssoziologische Fassbarkeit von Migrantenreligionen und ihren Sozialformen. Religiöse Migrantenselbstorganisationen scheinen vielmehr von Prozessen des Wandels betroffen zu sein, als andere Typen religiöser Vergemeinschaftung in der religionssoziologischen Theoriebildung. Die Frage ist nun, ob der stete Wandel religiöser Migrantenorganisationen aus religionssoziologischer Perspektive als Normal- oder Sonderfall gefasst werden kann und welche Formen des Wandels konkret ausgemacht werden können.

Anhand der koreanischen Migrantengemeinden in Deutschland soll in dem Beitrag zunächst aufgezeigt werden, welche konkreten Wandlungsprozesse ablaufen und wie sie sich auf die Struktur der Gemeinden auswirkt. Anhand eines Vergleichs mit Koreanischen Migrantenkirchen in den USA, wo sich eine längere Geschichte der Institutionalisierung aufzeigen lässt und die koreanische Community sehr groß ist, wird anschließend untersucht, inwiefern der jeweilige kulturelle und religionspolitische Kontext sich auf den Institutionalisierungsprozess auswirkt. Abschließend wird dargelegt, inwiefern Wandlungsprozesse aus institutionentheoretischer Perspektive für eine Typenbildung religiöser Vergemeinschaftung Berücksichtigung finden sollten.


Panel V: Wandel von und in Religionsgemeinschaften

Zeit: Sa. 9.9.16, 11.00-12.00 Uhr // Chair: Thomas Krutak

Fabian Huber: Medien als Faktor von Wandel religiöser Gemeinschaften?

Bei der Analyse der verschiedenen Prozesse, welche die Dynamik der religiösen Landschaft in den westlichen Gesellschaften bestimmen, bleiben Konzepte wie Säkularisierung und Individualisierung nach wie vor dominant. Diesen zufolge sind die institutionalisierten Formen religiöser Gemeinschaften zunehmend unter Druck. In diesem Zusammenhang wird immer häufiger auch von den Medien gesprochen. Gerade die durchdringende Präsenz neuer elektronischer Medien wird oft als Faktor genannt, der diesen Druck auf die institutionalisierten Formen noch verstärke. Es stellt sich jedoch die Frage, ob nicht gerade ein innovativer Umgang mit verschiedenen Medien gar zu neueren Kommunikations- und Handlungsformen führen kann, die mit institutionalisierten Gemeinschaften nicht nur kompatibel sind, sondern sie sogar stärken können. Anhand zweier christlicher Gemeinschaften, der Zeugen Jehovas und der Vineyard Bewegung, soll dieser Fragen nachgegangen werden. Beide Gemeinschaften sind sowohl bei der Produktion von religious media als auch bei der Nutzung verschiedener Medien sehr engagiert. Trotz starker Unterschiede bezüglich innerer Struktur als auch im Umgang mit Medien vermögen sich beide Gemeinschaften erfolgreich zu behaupten. Dieser Beitrag setzt sich mit der Frage auseinander, inwiefern sich der Wandel der Medien auf die religiöse Vergemeinschaftung auswirkt.

Jenny Vorpahl : „Something old, something new …“ – Geeignete ritualtheoretische Begriffe zur angemessenen Beschreibung aktueller Darstellungen standesamtlicher Eheschließungen.

Nachdem bis in die 90er Jahre Rituale als stereotyp wiederholte Handlungen und ihre stabilisierenden Funktionen betont wurden, hat sich der Fokus in der Ritualforschung auf den dynamischen Charakter dieser Handlungsschemata verschoben.

Aktuelle Formen der standesamtlichen Eheschließung in Deutschland, wie sie in Ratgeberliteratur dargestellt werden, sind in einem deutlich veränderten Eheschließungsdiskurs zu verorten. Sowohl die Ratgeber als auch sozialwissenschaftliche Darstellungen arbeiten mit dem Kontrast früher–heute in Anlehnung an klassische Modernisierungstheorien, welche Prozesse der Individualisierung und Emanzipation von herkömmlichen Lebensgestaltungsmodellen implizieren. Damit verbunden wird häufig der Rückgriff auf Traditionen und Normen, die als optional gelten und orientierende sowie illustrierende Funktionen übernehmen können. Insgesamt bewegen sich die Hochzeitsdarstellungen zwischen der Deutung als Einreihung in eine anthropologische Konstante sowie der Gestaltung eines einzigartigen Ereignisses, das dem Ausdruck des Selbstbildes und der Bewusstwerdung eines Statuswechsels dient. Ambivalente Äußerungen zeugen dabei von einer Verunsicherung im Umgang mit Symbolen und rituellen Bausteinen, die bis in die 90er Jahre hinein v. a. in Westdeutschland mit der kirchlichen Trauung assoziiert wurden. Häufig wird übersehen, dass die Adaption religiöser Traditionen zur Gestaltung säkularer Zeremonien im ostdeutschen Raum deutlich länger selbstverständlich ist.

Die seit 1875 obligatorische standesamtliche Eheschließung kann als sich wandelndes Ergebnis von Säkularisierungswellen gedeutet werden. Doch auch der Konstanz von Eheschließungsidealen sollte Rechnung getragen werden, ohne vorschnell Begriffe der Resakralisierung zugunsten einer Eventisierung zu übernehmen, die in theologischen und medienwissenschaftlichen Diskussionen dominieren. Des Weiteren machen unterschiedliche Ausgangslagen in Ost- und Westdeutschland, das Nebeneinander von kirchlicher und standesamtlicher Eheschließung sowie die Ähnlichkeit von Schlüsselszenen eine klare Zuordnung zu ritualtheoretischen Termini zur Herausforderung – in Frage kommen z. B. Ritualtransfer, Ritualdesign oder Ritualevolution, deren Anwendbarkeit für die Hochzeitsdarstellungen diskutiert werden soll.


Panel VI: Fallstudien

Zeit: Sa. 10.9.16, 13.00-14.30 // Chair: Ramona Jelinek-Menke

Jens Reinke: Reden über Reine Länder – Reines Land Diskurse im Buddhismus Chinas und Taiwans im 20. Jahrhundert.

Religiöse Praktiken und Doktrinen, die sich auf die Vorstellung eines Reinen Landes beziehen, nehmen eine zentrale Rolle im hanchinesischen Buddhismus ein. Im 20. Jahrhundert repräsentieren sie gleichzeitig auch den primären Schauplatz für die Auseinandersetzung der hanbuddhistischen Tradition mit der Moderne.

Unterschiedlichste, nicht nur literalistische auf den Buddha Amitabha bezogene Reines Land Konzeptionen und mit dem Chanbuddhismus assoziierte „Nur-Geist“-Vorstellungen, sondern auch modernistische Diskurse des „Reinen Landes in der Menschenwelt ” (renjian jingtu) und die jeweils mit ihnen assoziierten Praktiken konstituieren ein höchst komplexes religiöses Feld, indem existierende interpretative Unterschiede und Widersprüche in einem teilweise konfliktiven und teilweise konvergentem Verhältnis miteinander existieren.

Obwohl sich über die letzten hundert Jahre ein Trend ausmachen lässt, weg von literalistischen hin zu eher modernistischen Verständnisweisen, argumentiere ich, dass diese Entwicklung nicht überzubewerten ist, und das die unterschiedlichen Reines Land Diskurse und die ihnen zugehörigen religiösen Praktiken sich trotz ihrer oberflächlichen Widersprüchlichkeit weiter existieren.

Diese Widersprüche werden von taiwanischen Buddhisten keineswegs notwendig als sich gegenseitig ausschließend erfahren, sondern stehen unter dem diskursiven Mantel des mittlerweile den Mainstream repräsentierenden Reines „Land in der Menschenwelt“ Diskurses in einem sich inklusiv überlappenden Verhältnis zueinander.

Nicole Hausmann: Zur Dynamik germanischer Mythen.

Die Tatsache, dass sämtliche Überlieferungen der germanischen Mythologie – seien es die Götter- und Heldendichtungen, Sagen oder Zaubersprüche – aus fremder, nämlich christlicher Feder stammen, führte innerhalb der Forschung zu der Frage nach der Originalität und dem Alter dieser Überlieferungen. Vor dem Hintergrund der Oralität der germanischen Texte ist eine konkrete Angabe der Entstehungszeit jedoch kaum möglich. Fruchtbarer erscheint es daher nicht nach der Datierung des Einzelnen zu fragen, sondern nach den dynamischen Prozessen des Ganzen. Auf Grundlage der kulturwissenschaftlichen Gedächtnistheorie Jan Assmanns soll ein dynamisches Mythenmodell entwickelt werden, mit welchem die germanisch-mythologische Tradierungsgeschichte neu durchleuchtet werden kann. Assmann hatte einen Unterschied bemerkt zwischen kulturellen Erinnerungen, die über lange Zeitenunverändert überliefert werden („kalte Option“), und kulturellen Erinnerungen, die im Laufe der Zeit immer wieder Veränderungen erfahren („heiße Option“). Dass sich Gleiches nun auch für die Erinnerung von Mythen geltend machen lässt, ist das Anliegen der Untersuchung zur Mythodynamik bei den Germanen.

Melanie Hallensleben: Der Umgang der Anthroposophie mit Antisemitismus-Vorwürfen.

In den 1990er Jahren wurde der Anthroposophie verstärkt vorgeworfen rassistisch und antisemitisch zu sein, was sich sowohl auf Textstellen aus Steiners Gesamtausgabe als auch auf einige Vorfälle in Waldorfschulen bezog. Für weite Teile der Anhängerschaft war und ist dieser Vorwurf absurd, und sie wiesen die Kritik zurück ohne inhaltlich explizit dazu Stellung zu nehmen. Nur eine Minderheit in der Anthroposophie hat in jüngster Zeit eine kritische Eigenreflexion zugelassen.

Die Anhängerschaft der Anthroposophie bezieht sich größtenteils auf das Welt- und Menschenbild Rudolf Steiners, nach seinem Tod 1916 hat sich kaum etwas entwickelt, was einer Auslegetradition vergleichbar wäre. Damit unterliegen sowohl der Umgang mit dem Werk Steiners als auch die Lehren selbst einer gewissen Statik. Das bietet die Möglichkeit ein vielerorts überwundenen Menschenbild von sogenannten Menschenrassen, einer jüdischen Rasse und ihren jeweiligen unveränderlichen charakterlichen Ausprägungen in die Gegenwart zu transportiert. Ausgehend von Steiners Haltung und Bedeutung von Menschenrassen, auf die das Verständnis des Juden aufbaut, wird der Vortrag der inner-anthroposophischen Rezeptionsgeschichte nachgehen als auch solche Positionen darstellen, die Steiner kritisieren.

Der Vortag stellt Ergebnisse aus meiner Dissertation dar, die sich mit der Wahrnehmung des Judentums in Neureligiösen Bewegungen befasst. Im Zentrum dieser Forschung stehen diverse Bewegungen, wie Zeugen Jehovas, Mormonen, Neopaganismus, African Hebrew Israelites, etc.. Im konkreten werden diverse Haltungen zum Judentum untersucht, die sich mit jüdischen Lehren auseinandersetzten, aber auch Position zu Israel, dem Zionismus oder der Shoah werden miteinbezogen. Verknüpft werden diese von Seiten der Gemeinschaften zum Teil mit Negativzuschreibungen, womit die Arbeit einen Beitrag zur Antisemitismusforschung darstellt. Für das Welt- und Menschenbild der jeweiligen Gemeinschaft sind jedoch positive und/oder glorifizierende Haltungen zum Judentum von größerer Relevanz, hier schließt die Arbeit an die Philosemitismusforschung an.


Panel VII: Partialtheorien

Zeit: Sa. 10.9.16, 15.00-16.30 Uhr // Chair: Christiane Königstedt

Jan Ole Bangen: Religiöse Autorität als Prozess. Implikationen und Probleme einer etablierten Deutung

Religiöse Autorität wird verschiedentlich mit Prozessbegriffen in Verbindung gesetzt. Darüber hinaus wird Autorität selbst, und insbesondere Autorisierung, als prozesshaft beschrieben. Dabei steht einerseits die kaum bestreitbare Prozesshaftigkeit der Geschichte im Hintergrund, und andererseits sind vor allem sozialwissenschaftliche Ansätze einer Perspektive verpflichtet, die Autorität nicht als Eigenschaft einer Person, sondern als Eigenschaft einer Beziehung zwischen Personen, Gruppen oder Institutionen auffasst. Von beidem unterschieden werden können Autoritätskonstellationen, in denen Autorität nur in Abhängigkeit von ihrer fortwährenden Hervorbringung Geltung hat, wie sie seit der frühen Neuzeit in Verbindung mit Prozessen der gesellschaftlichen Pluralisierung rekonstruiert werden.

Man könnte folglich annehmen, dass Autorität und Autorisierung grundsätzlich dynamisch oder gar instabil seien. Dass eine solche Annahme auch auf der Überbetonung dieser Momente durch den Prozessbegriff beruht, darauf wurde bereits von Autoritätstheoretikern hingewiesen.

Im Vortrag sollen vor dem Hintergrund (religions-)soziologischer Theoriebildung die Implikationen der Annahme einer grundsätzlichen Prozesshaftigkeit von religiöser Autorität und Autorisierung diskutiert und Möglichkeiten der Abgrenzung von spezifisch prozessualen Autoritätskonfigurationen aufgezeigt werden. Anhand einschlägiger Beispiele aus der religionswissenschaftlichen Autoritätsforschung soll darauf hingewiesen werden, wie die Dynamik und Statik, die Instabilität und Stabilität von Autorität nicht nur als Pole gedacht, sondern auch als verschränkt konzeptualisiert werden können.

Mirko Roth: Ein Kommunikationsmodell von Faktoren des Kultur- und Religionswandels – zwischen Stasis und Dynamik?!

In öffentlichen Diskursen rekonfigurieren wir ohne Unterlass Bedeutungen kultureller Konzepte. In Adaptionen werden unterschiedliche Zeichensysteme aus einem Bereich der Kultur in einen anderen überführt. Im Kultur- bzw. Religionskontakt können durch Innovationsprozesse neue kulturelle Formationen entstehen.

Das vorzustellende Kommunikationsmodell wurde im Kontext meiner Dissertationsschrift zum Forschungsfeld des Religionswandels entwickelt. Sie geht von den Prämissen aus, dass Wandel fortwährend stattfindet, Religion ein transkulturelles Phänomen ist sowie Wandel, Kultur und Religion in einem besonderen, unauflösbaren Verhältnis zueinander stehen. Dabei wirkt ein Faktor „Religion“ auf die Wandlungsprozesse ein, der je nach seinen Kontextbedingungen Auswirkungen auf Transformationsprozesse hat – zwischen Stasis und Dynamik!?

Aber wie können Transformationen und ihre Prozesse gefasst und beschrieben werden? Viele kulturwissenschaftliche Arbeiten beschäftigen sich sowohl theoretisch als auch empirisch mit Wandelphänomenen von Kulturen und Religionen. Doch erst seit den späten 1980er Jahren wurde in den kultur- und religionswissenschaftlichen Disziplinen das Augenmerk auf dynamische Prozesse von Transformationen gelegt. Jedoch wurde bisher weder versucht einen Blick in die „Black-Box“ von Wandlungsprozessen zu werfen noch relevante Faktoren des Kultur- und Religionswandels zusammenzutragen und in einem Modell zusammenzuführen.

Unter diesem Brennglas wurden die in der Forschungsliteratur detektierten Faktoren systematisiert sowie operationalisiert. Und durch eine semiotische Grundlegung von kommunikationstheoretischen Modellen sowie wissenssoziologischer Theorien konnten diese Faktoren gegenseitig integriert werden. Auf diese Weise entstand ein Kommunikationsmodell von Faktoren als deskriptives Analyseinstrument für Prozesse des Kultur- und Religionswandels. Dieses wird in seinen einzelnen Faktoren sowie deren Interrelationen kurz vorgestellt und nach Möglichkeit mit Material aus der Religionsgeschichte der Santería auf Kuba exemplifiziert.

Nikolas Broy: „‚Religiöse Ökologie‘ oder ‚religiöser Markt‘? Überlegungen zur Dynamik des religiösen Feldes in China zwischen Inklusivismus, Pluralität, und Konkurrenz.“

Der berühmte französische Soziologe Pierre Bourdieu hat in Auseinandersetzung mit der Religionssoziologie Max Webers ein Modell des „religiösen Feldes“ erarbeitet, welches zwar viel Beachtung in der westlichen Religionsforschung gefunden hat, dessen Anwendung auf nicht-westliche und religiös plurale Gesellschaften jedoch oft infrage gestellt worden ist. So gibt es nicht wenige Stimmen, welche die Anwendbarkeit dieses und anderer Konkurrenzmodelle religiöser Dynamik – z.B. der „religiösen Markttheorie“ – auf die chinesische religiöse Landschaft ablehnen und stattdessen vorschlagen, diese als komplexe „religiöse Ökologie“ (zongjiao shengtai) zu verstehen, welche nach Balance – und damit nach einem mehr oder weniger eindeutig bestimmbaren Zustand – strebt. Ausgehend von der empirisch beobachtbaren Existenz unterschiedlicher Prozesse, die sowohl auf Bestand, als auch auf Veränderung hinarbeiten, werde ich versuchen, das religiöse Feld Chinas neu zu konzeptualisieren. Dabei werde ich versuchen, wesentliche Mängel des Bourdieuschen Modells unter Rückgriff auf Erkenntnisse der religiösen Marktheorie, aber auch des „Ökologie“-Ansatzes auszugleichen. Ich werde zeigen, dass das religiöse Feld Chinas nicht nur ein Konkurrenzfeld um Macht oder einen Markt religiöser Angebote und Güter darstellt, sondern dass die „ökologische“ Qualität dieses Feldes entscheidenden Einfluss auf dessen Dynamik und Veränderungsfähigkeit nimmt. Deshalb werden sich meine empirischen Beispiele auch nicht auf eine einzelne religiöse Tradition oder Gruppe beschränken, sondern ein möglichst breites Spektrum der chinesischen religiösen Landschaft in den Blick nehmen.